Mitteilungen Gedächtnisstätte Verein

Chronologie einer bewegten Geschichte:
(Im Detail geschildert in unserer Jubiläumsschrift.)

Im Jahr 1991 — ideelle Gründung

Im Jahr 1992 — institutionelle Gründung

Im Jahr 2005 — Vereinssitz in Borna

Im Jahr 2012 — Vereinssitz in Guthmannshausen

Im Jahr 2014 — Einweihung der Gedächtnisstätte

 

Am 23. April 2021 — Brandanschlag auf den Vereinssitz mit fast vollständiger Zerstörung

Im April 2021 — Beginn des Wiederaufbaus des Vereinssitzes

Im April 2022 — Wiederaufnahme des regulären Veranstaltungsbetriebes in provisorischem Ambiente

 

Auf ein Wort: Geschichte ist ein stetig länger werdender Bart am Weltgesicht. Sie wächst mit dem Nacherzählen von Erlebtem und fügt weiteres durch Erleben hinzu. Sie erzählt und verlängert sich unendlich selbst. Und so, wie ein Bart von der Wurzel an nach unten nachwächst (als weltliches Gegenstück zum mystischen „Weltenbaum“), ist der Nachwuchs das sichtbare Spektrum dieser Weltgeschichte. Er repräsentiert die gegenwärtige, äußere Erscheinung, das Erwachsensein als Ergebnis. Und — „beim Barte … “ — hier sind Verantwortung und Ehre (im Sinne von Wahrhaftigkeit) im Spiel. Aus Pflichten entstehen Rechte und aus Rechten wiederum Pflichten. Wer gekämmt und gepflegt ist, wird Staat machen, Frisiertes und Toupiertes aber beim leisesten Hauch zusammenfallen. Ist es nicht Letzteres, was gerade weltweit geschieht?

Geschichtliche Inhalte entstehen durch gegenseitig bedingtes Vorhandensein von Ereignissen, ohne Wenn und Aber; mit auf die Spitze getriebener Übersicht wüsste man im Anfang schon das Ende. Perspektiven des Erzählens gibt es hingegen viele, demnach viele kleine Geschichten in der einen großen, jedoch nur eine kollektive „Weltwahrheit“. Dass diese von vielen für die eigene beansprucht und verwandt wird, ist bekannt: Sieger schreiben nun mal Geschichte. So gilt für diesen Bart und seine jeweils gegenwärtige Generation zur Pflicht und zum Trost: Verkahlung erhält, Verkehrung entstellt, Vernichtung wird kraft der Regeneration alles Lebendigen wiederum essentiellen Nachwuchs hervorbringen. Diese sehr einfache, unumstössliche Folgerichtigkeit mag auf die kurze Formel „Herkunft = Zukunft“ zusammengefasst sein und ist, zu Bedingung und Aufruf formuliert, das Anliegen „Zukunft braucht Herkunft“ des Vereins Gedächtnisstätte. Das Hegen und Pflegen von Geschichte — vornehmlich des eigenen deutschen Bartes — ist Erinnerungskultur im besten Sinn. Gemäß dem Gründungsimpuls des Vereins, dem Verblassen und Vergessen des Leidens der hiesigen Kriegsgeneration entgegenzuwirken, geschieht dies durch gewissenhafte Aufzeichnung und reale Anerkennung damaliger, im Weltgeschehen eingebetteter Ereignisse. Neben allen durch öffentliche Hand errichteten und geförderten Gedenkstätten — im Prinzip gleicher Art — ist diese die einzige ausschließlich durch private Mittel entstandene und erhaltene und damit unabhängige (!). Ein hoher und lebendiger Wert wird hier durch Ehrenamtliche und Freiwillige verwaltet. Wenn auch Sie verstehen, dass Nachwuchs und Erwachsensein, Vorfahren und Nachfahren, Recht und Pflicht, Gesetz und Ordnung miteinander zu tun haben, dann unterstützen Sie bitte die Arbeit des Vereins, stattfindend an der Kultur- und Tagungsstätte in Guthmannshausen, und werden Sie Fördermitglied mit einem von Ihnen bestimmten Jahresobolus. Vieles Kleines ist das Rückgrat einer erfolgreichen Unternehmung!

Der Verein pflegt ein offenes Haus — Besucher mit guter Absicht sind ohne Ansehen der Person herzlich willkommen. An ein respektvolles Beisammensein wird ausdrücklich apelliert, denn wir alle sind Söhne und Töchter von Müttern und Vätern, Nachfahren von Vorfahren, Überträger von Träumen und Traumen (die gleiche Wortwurzel ist kein Zufall (!). Merke: Das vollwertige Tradieren von unerwarteten, markanten Ereignissen (Traumen) warnt und schützt die Nachfolgenden. Der Ahnen würdig und förderlich zu gedenken, ihre Geschichte mehrwertlich fortzuschreiben, ist überlebensnotwendig und daher allen Menschen gemeinsam. Orte der geistigen Sammlung sind von großer Bedeutung in jeder Kultur.

 

Das Angebot: Besinnung und Rückbindung. Lebens- und Generationenschau. Ahnengedenken und Ahnenfrieden. Mäßigkeit in Gedanke und Tat. Regelmäßige, geführte Gedenkstunden an der Gedächtnisstätte. Möglichkeit, Trauerarbeit persönlich und individuell zu gestalten. Austausch mit anderen Betroffenen. Krafttankstelle und Begegnungsstätte. Ein monatliches Veranstaltungswesen. Referate zur Vermittlung von Kultur- und Sprachgut. Beisammensein, Alleinsein, Musisches, Musikalisches, Kulinarisches. Aufarbeitung zutiefst menschlicher Fragestellungen, wie denen nach Herkunft, Identität und Lebenssinn. Ausführliche Informationen zum Thema Vertriebene und Vertreibung, Krieg und Frieden. Selbstreflexion. Anonyme Ruhestatt. Deutschland.

 

Das Greuel Vertreibung: (Von einer anonymen Künstlerin aus persönlichen Erlebnissen heraus illustriert, Geschenk an die Gedächtnisstätte.)

Millionen Kriegsopfer wurden nie gefunden! Für die Toten, Geschundenen und Geplagten der jüngeren Geschichte unseres Volkes ist ein würdiges Denkmal mitten in Deutschland errichtet worden. Wir gedenken hier dem Leid der Frauen, Kinder und Greise sowie aller unserer wehr- und waffenlosen Landsleute, die im Laufe des Zweiten Weltkrieges und in der Not danach ihre Lieben, Nächsten, Heimat, Hab und Gut, Gesundheit und Leben verloren haben. Es sind Ihrer Millionen, deren Grab man nie fand, weil sie unter Hilfeschreien in der kalten Ostsee ertranken, vergewaltigt und erschlagen irgendwo am Straßenrand liegen blieben, namenlos in den Feuerstürmen der Bombennächte zu Asche verbrannten oder verhungert und zu Tode gequält in bis heute unbekannten Massengräbern verscharrt wurden. Diese entsetzlichen, oft anonymen, also vom nachvollziehbaren, persönlich zu betrauernden Einzelschicksale getrennten Fluten unvorstellbarer Leiden brennen in den Herzen der angehörigen Hinterbliebenen und — oft unbewusst — kollektiv in der deutschen Volksseele. Die millionenfach dem Körper und der Seele entäußerten Gefühle der Beklagten, wie die des Hungerns, Frierens, Fronens, Fliehens und Fürchtens, der Entehrung, der Verlassenheit, der Todesangst und Todesqual schweben wie ein Damoklesschwert über den Häuptern der Lebenden. In einer Ära des Verschweigens und Verblendens der Ereignisse wird der Erlebnisgeneration der heilende Zugang über das Herzgefühl und den Nachgeborenen die Läuterung durch die tätige Ehrung der Eltern und Großeltern verwehrt. Das ist eine psychologische Katastophe, die ihresgleichen sucht!